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Ein Scheibenkreuz als Christussymbol in der Geinsheimer Kirche

Das Scheibenkreuz, den viergeteilten Kreis, kann man sich am einfachsten als ein vierspeichiges Rad vorstellen. Zahlreichen Scheibenkreuzen begegnet man als Komponenten skandinavischer Felszeichnungen, die in lange zurückliegender, vorchristlicher Zeit entstanden sind. Gedeutet werden diese Scheibenkreuze skandinavischer Felszeichnungen als Zeichen der Sonne und des Lichtes. Man darf davon ausgehen, daß auch den Kelten und Germanen Mitteleuropas der viergeteilte Kreis, das Scheibenkreuz, als Sonnen- und Lichtzeichen bekannt war. Allerdings pflegten die Kelten und Germanen eine Kultur vornehmlich in Holz und nicht in Stein, so daß uns in Mitteleuropa keine Überlieferungen vorliegen, die sich neben die skandinavischen Felszeichnungen mit ihren religiösen Ausdruckformen stellen lassen.

Der nach West- und Mitteleuropa hineingetragenen christlichen Mission fiel es nicht schwer, das hier vorgefundene Scheibenkreuz als ein Zeichen des Lichtes in Anlehnung an ein Christuswort im Johannesevangelium Kapitel 8 Vers 12

„Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der
Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

mit einem neuen, christlichen Inhalt zu füllen und es als Christussymbol weiter zu pflegen. So wird das Scheibenkreuz in der christlichen Kunst unseres Raumes seit der Romanik dem Kopf Christi als Nimbus hinterlegt, während die Köpfe beispielsweise der Jünger lediglich ein kreisrunder Heiligenschein doch ohne Kreuz ziert!

Als Christussymbol fand das Scheibenkreuz in der christlichen Kunst weite Verbreitung und sinnvollerweise als Zeichen des Lichtes und des Lebens als Grabzeichen auf aufrecht stehenden mittelalterlichen Grabsteinen und liegenden Grabplatten. Hierzu gib es eine reiche Literatur in Deutschland, in Frankreich, in Spanien, in Portugal und auf den britischen Inseln einschließlich der irischen Republik. In unserem Land erlosch diese reiche, vielfältige, mittelalterliche Tradition insbesondere im 16. Jahrhundert. Durch die Rückbesinnung auf die Kunst und Kultur des Mittelalters in der Neoromanik und Neogotik des späten 19. Jahrhunderts kam es auch zur Wiederbelebung des Scheibenkreuzes als Christussymbol.

Ein lokales Beispiel dieser Wiederbelebung ist das Scheibenkreuz in der 1882 errichteten neugotischen Geinsheimer Kirche.


Die Kanzel in der Geinsheimer Kirche mit dem rechten unteren Teil des Triumphbogens. Foto: Ickler
 

Das Scheibenkreuz als Christussymbol eines Ecksteins der rechten Basis am Triumphbogen. Foto: Drechsel
 

Ein agnus dei (Lamm Gottes) eines gotischen Schlußsteins mit einem Wiederkreuz. Reproduktion


Es ist unter der Kanzel am rechten (nördlichen) Fuß des Triumphbogens in Kombination mit der Jahreszahl 1882 angebracht (Abbildung 1). In die Scheibe ist ein Wiederkreuz einbezogen (Abbildung 2). Im Mittelalter begegnet man dem Wiederkreuz insbesondere in der Gotik. Dieses Element aus der reichen Ikonographie des Kreuzes heißt Wiederkreuz, weil sich die beiden Kreuzbalken, der Längs- und der Querbalken, an den vier Balkenenden oder kurz vor den Balkenenden wiederholen. Dazu zeigt die hier beigegebene Abbildung 3 einen gotischen Schlußstein mit einem agnus dei (Lamm Gottes), dessen Kreuz als Wiederkreuz ausgeführt ist. Beim Geinsheimer Wiederkreuz der Abbildung 2 ist der Querbalken nicht exakt mittig angeordnet sondern etwas nach oben hin verschoben. So erhält das Wiederkreuz einen schwach ausgeprägten vertikalen Charakter; der zentrale Schnittpunkt der beiden Kreuzbalken stimmt nicht mehr mit dem Mittelpunkt des Kreises überein, der die Scheibe des Scheibenkreuzes nach außen hin begrenzt.

Man darf schließen, daß das Scheibenkreuz unter der Kanzel am rechten Fuß des Triumphbogens in Kombination mit der Jahreszahl 1882 anzeigt, an dieser Stelle sei der Grundstein als Basis des Triumphbogens gelegt worden. Hier ist es ein Eckstein, der mit dem Scheibenkreuz als Christussymbol verziert ist getreu dem Wort aus dem Psalm 118, Vers 22:


Von Friedrich Karl Azzola

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