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Pressemitteilung vom 23.05.2006

Absturzrisiko neu prüfen
(von Tina Steinicke, Frankfurter Neue Presse (www.fnp-sued.de) vom 23.05.2006)

Kreise Offenbach/Groß-Gerau. „Das wäre nun der zweite gravierende Fall, dass sich die Fraport AG selbst vehement widerspricht“, kommentiert Enno Siehr (SPD), Landrat des Kreises Groß-Gerau, die neue Bedarfsprognose des Flughafenbetreibers. Diese Prognose für den Ausbau lautet: Bis zum Jahr 2020 sollen mehr als 700 000 Flugbewegungen jährlich in Frankfurt nachgefragt werden (wir berichteten). Also rund 40 000 Starts und Landungen mehr, als die Fraport bisher höchstens angenommen hatte, die alte Zahl lautete 660 000.

Die erste widersprüchliche Behauptung der Fraport sei laut Siehr gewesen, wegen der erforderlichen Größe der A-380-Wartungshalle müsse diese im Wald gebaut werden. Nachdem die Bäume gefällt waren, hieß es dann, die Halle müsste nur halb so groß sein und könne doch innerhalb des bestehenden Flughafengeländes realisiert werden.

Die jüngste Prognose bestätige nur, dass die im Planfeststellungsverfahren für die Flughafenerweiterung genannten Zahlen nicht korrekt sind. „Unmittelbar nach Ende der Erörterung hat die Fraport neue Zahlen nachgeschoben“, so Siehr. Der Fall sei klar: Die gesamte Anhörung zum Planfeststellungsverfahren des Ausbaus müsse auf der Basis neu erarbeiteter Gutachten wiederholt werden. Da sind sich der Kreis Groß-Gerau sowie der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) als auch Mitglieder der Initiative Zukunft Rhein-Main einig. Nach einer Kalkulation dieser Initiative lägen die jährlichen Flugbewegungen sogar bei 900 000. Der BUND geht nach der neuen Fraport-Prognose davon aus, dass sich der Stundeneckwert der Flugbewegungen von 120 auf 126 erhöhen wird. Mehr Überflüge erhöhten die Sicherheitsrisiken, die aus dem Vogelschlag, der Nähe zum Fernbahnhof und vor allem zu dem Chemiewerk Ticona entstünden. Das Absturzrisiko müsse neu überprüft werden. „Das hessische Verkehrsministerium muss die Konsequenzen aus der schlampigen Fraport-Planung ziehen“, fordert BUND-Vorstandssprecherin Brigitte Martin.

Aber das Ministerium sieht keinen Grund für eine relevante Verzögerung des Planfeststellungsverfahrens, obwohl das Verfahren zum Flughafenausbau bereits über zwei Jahre in Verzug ist. Ob eine erneute Anhörung erforderlich sei, ließe sich laut Pressesprecher Clemens Christmann erst beurteilen, wenn dem Ministerium folgende Fraport-Unterlagen vorlägen: die Aktualisierung und Ergänzung der Luftverkehrsprognose, die darauf aufbauende Prognose für den Straßen- und Schienenverkehr sowie die darauf beruhenden Änderungsgutachten bezüglich Lärm, Schadstoffen und Sicherheit.

Doch eine Verzögerung des Ausbaus scheint unausweichlich. „Die Stadt muss neu am Verfahren beteiligt werden“, meint Rechtsanwalt Bernhard Schmitz, der Mörfelden-Walldorf im Kampf gegen den Flughafenausbau vertritt.

„Es ist ungeheuerlich, dass die übermächtige Flughafenlobby aus Fraport und Landesregierung der ganzen Region den Ausbau überstülpen will, obwohl alles dagegen spricht“, ist die Ansicht von Nick Timm von der Neu-Isenburger Bürgerinitiative gegen den Flughafenausbau. Als ,Offenbarungseid’ bezeichnet Timm die neuen Fraport-Zahlen. Und Neu-Isenburgs Bürgermeister Oliver Quilling (CDU) äußert sich zur neuen Prognose: „Das wundert mich nicht, seit 1998 habe ich schon viel von der Fraport gehört, das sich dann geändert hat.“

40 000 Flüge mehr hält Kelsterbachs Bürgermeister Erhard Engisch (SPD) für unmenschlich: „Die fliegen hier in 50 Metern Höhe über die Köpfe der Menschen im Gewerbegebiet Taubengrund hinweg.“ Doch der Rathauschef hat auch einen Ausweg parat. Wenn der nahe gelegene Flughafen in Hahn sowieso für viel Geld ausgebaut wird, damit Frankfurt mit den Nachtflügen dahin ausweichen kann, liegt die Lösung für Engisch nahe: „Man kann schließlich auch am Tag nach Hahn fliegen.“


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